Oh Canada …

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Angeblich ist Toronto eine der lebenswertesten Städte der Welt. Übertroffen wird sie im Ranking bloß von Melbourne (Platz 1), Wien (Platz 2) und Vancouver (Platz 3). So liest man es in den vielen Top Ten Listen der Reisemagazine. Wer diese Listen erstellt hat kann noch nie in Toronto gewesen sein. Toronto ist dreckig. Überall liegt Müll. Die Bürgersteige sind voll mit Zigarettenkippen. Parks gibt es in der Innenstadt praktisch gar nicht. Die einzigen Grünfläche sind die Gärten der vielen Kirchen. Und dort tummeln sich überwiegend Obdachlose und Drogenabhängige.

Aber es wäre gelogen, zu behaupten dass Toronto keine schönen Flecken hat. Glücklicherweise haben wir bei unserem Kurztrip auch ein paar davon gefunden.

Toronto Beaches

Der Stadtteil im Osten der Stadt hat viel von einem relaxten Surferort. Auf der langen Queen Street, auf der wir über Airbnb ein Appartement gebucht haben, reihen sich Restaurants, Kaffeehäuser und kleine alternative Lädchen aneinander. Die Menschen, die hier wohnen, egal welchen Alters, sind supernett und erscheinen außergewöhnlich entspannt. Als wir abends ankommen finden wir uns mitten in einem Strassenfestival wieder. Überall sind Bühnen aufgebaut und Live Bands spielen Musik. Dazu stehen überall Food Trucks, die leckere Spezialitäten anbieten.

Unser Appartment ist nur zwei Blocks vom Ontariosee und vom langen Sandstrand entfernt. Da ich der Frühaufsteher bin schnappe ich mir jeden Morgen Theo, hole mir einen Kaffee an der Ecke gegenüber gehe mit ihm zum Strand.

Mit einem Capucchino in der Hand, den Füßen im Sand und dem Hund im Wasser genieße ich den Start in den Tag.

Historic Distillery District

Die Gooderham and Worts Distillerie war in den 1860er Jahren die größte Whiskeybrennerei der Welt. 1990 wurde die Firma dicht gemacht. Heute ist der riesige Komplex eine denkmalgeschützte Fußgängerzone. Zwischen mehr als vierzig historischen Backsteingebäuden erstreckt sie sich über mehrere Straßenzüge.

Genauso wie in Toronto Beaches prägen Alternative das Bild. Hier finden sich Künstlerateliers und -werkstätten, Restaurants und Bäckereien und unzählige weitere Shops, die auf ausgefallene Produkte spezialisiert sind. Angeblich wurden hier bereits mehr als 800 Filme und Fernsehserien gedreht. X Men, Die Vögel, Total Recall, Incredible Hulk und Police Academy 1 – 3 sind nur ein paar Beispiele, die Toronto den Beinamen Nord-Hollywood einbrachten.

Toronto Islands

Vor dem Ufer der Stadt liegen die Toronto Islands. Sie sind ausschließlich per Boot oder Fähre zu erreichen und sind nicht nur Magnet für Touristen sondern auch für die Einheimischen. Die sieben Inseln sind miteinander durch Brücken verbunden und praktisch nur durch schmale Kanäle voneinander getrennt.

Auf insgesamt 330 Hektar wird hier viel geboten. 15 Kilometer Rad- und Wanderwege. Ein kleiner Vergnügungspark. Ein Flughafen. Fünf Strände, darunter ein FKK-Strand oder wie man hier sagt „Kleidung optional“. Vier Yachtclubs. Und sogar eine kleine Kommune mit 250 Häusern. Um hier zu leben muss man einen komplizierten und langen Bewerbungsprozeß über sich ergehen lassen. Hat man den überstanden landet man erst einmal auf einer Warteliste. Kauf und Verkauf der Häuser wird ausschließlich durch den Rat der Gemeinde geregelt, nicht vom Eigentümer. Man merkt gleich, hier herrschen strikte Regeln. Regeln die sogar gesetzlich im Toronto Islands Residential Community Stewardship Act festgehalten wurden. Wenn man zwischen den Häuschen entlang schlendert versteht man auch warum man sich hier so bemüht dieses Kleinod so zu erhalten wie es ist.

Vom kleinen Yachthafen des Queen City Yachtclubs hat man großartigen Blick auf die Skyline von Toronto.

Und wem das Panaroma nicht reicht, der schnappt sich ein Fernrohr. So wie Lilly hier.

Und übrigens: Wenn ich weiter oben behauptet habe Toronto hätte keine Parks ist das gelogen einen schöneren Stadtpark als die kleine Inselgruppe kann es fast nicht geben.

Nicht der typische Grenzübergang

Auf dem Rückweg nach Hause legen wir einen kleinen Umweg ein. Gerne behaupten die Einheimischen es wäre ein Weltwunder, aber das stimmt nicht ganz. Die Niagarafälle. Der Niagara River verbindet den Eriesee mit dem Ontariosee. Hier an der US-amerikanischen-Kanadischen Landesgrenze stürzt der Fluss über 50 Meter in die Tiefe. 2 850 000 Liter in der Sekunde. Das Grollen der Niagarafälle ist imposant. Von dem riesigen Horseshoe-Wasserfall, der auf der kanadischen Seite liegt, steigt eine riesige Dunstwolke auf und läßt es auf uns bei perfektem Wetter herunter regnen.

Auf der amerikanischen Seite liegen zwei weitere, kleinere Wasserfälle, der American Fall und der Bridal Veil Fall.


Was die wenigsten wissen, die Fälle waren bereits mindestens zwei Mal trockengelegt.
Im Winter 1848 verstopften riesige Eisschollen auf dem Eriesee den Fluß. Erst dreißig Stunden später strömten die Fälle wieder.
1969 wurden die American Falls durch Menschenhand trockengelegt, um sie geologisch zu untersuchen und um etwas gegen die natürliche Erosion zu unternehmen. Nach fünfmonatigen Stabilisierungsarbeiten wurden die Dämme geöffnet.
Beide Ereignisse lockten tausende Schaulustige aus aller Welt. Seitdem gab es keine Unterbrechung mehr. Doch dies könnte sich schon bald wiederholen. Auf der amerikanischen Seite müssen die 115 Jahre alte Brücken erneuert werden. Die nötige Trockenlegung ist gerade in Planung. Es bedarf nur noch der Zustimmung durch eine Art Volksabstimmung, die schon bald stattfinden soll.

Wir verbringen den Tag auf der kanadischen Seite von wo man einen einzigartigen Blick auf das Naturschauspiel hat. Unter uns fahren Touristenboote in den Nebel fast in die Fälle hinein. Auf ihnen stehen die Leute in Regenponchis auf dem Deck. Auf den kanadischen Booten trägt man rote auf den amerikanischen blaue Ponchos. Die Wartezeit ist uns allerdings zu lange, denn wir wollen ja heute noch nach Hause fahren. Wir genießen also lieber das Wetter und die atemberaubende Aussicht.
Es ist bestimmt nicht das letzte Mal das wir herkommen.

Toronto und die Niagarfälle waren der letzte Trip, den wir mit Melli, Kai und Baby Lilly unternommen haben. Insgesamt waren sie neun Wochen über den Sommer bei uns zu Besuch nachdem wir uns fast ein Jahr nicht gesehen haben. Die Zeit ist vergangen wie im Flug und es war toll Lilly zum ersten Mal zu sehen und in den 3 Monaten zu erleben wie sie wächst und gedeiht. Jetzt ist es schon Dezember und der erste Schneesturm hat uns bereits heimgesucht (davon werde ich bald berichten). Kaum zu glauben, dass es schon wieder ein halbes Jahr her ist.

Wir vermissen Euch!

 

 

Im August 2015 wurde ich von meiner Firma in die Nähe von Chicago versetzt. Hier lebe ich jetzt zusammen mit meiner Frau Julia und unserem Schokolabrador Theo. Zusammen bloggen wir hier, um unsere Freunde und Familie zuhause auf dem Laufenden zu halten. Ich mag American Football, Basketball und Kraftsport und manchmal versuche ich meiner Kreativität mit Hilfe meiner Kamera freien Lauf zu lassen.