Milwaukee

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Gerade mal 1 1/2 Stunden nördlich von Chicago, ebenfalls am Ufer des Lake Michigans liegt Milwaukee. Die selbsternannte Bierhauptstadt der USA und der Geburtsort von Harley Davidson ist geprägt von alten cremefarbenen Gebäuden aus der Zeit vor den beiden Weltkriegen. Europäischen Einwanderergruppen, wie die Franzosen, aber vor allem die Deutschen, haben bis heute ihre Spuren hinterlassen.
Zur Zeit sind Kai und Melli mit ihrer allersüßesten 10 Monate alten Tochter Lilly zu Besuch. Die drei sind jeden Tag auf Achse und haben von unserer Gegend wahrscheinlich schon mehr gesehen als wir. Auf ihrem Reiseplan standen bereits Chicago, St. Louis und Jefferson City in Missouri, wo sie Kais Gastfamilie aus seiner Schulzeit besucht haben, und bald Toronto und die Niagarafälle. An diesem Wochenende hieß ihr Ziel „Drei Tage Milwaukee“. Julia und ich haben am Samstag den Hund eingepackt uns sind für einen Tag hinterhergefahren.

Warum waren wir eigentlich noch nicht hier?

Milwaukee ist eine der schönsten amerikanischen Großstädte, die ich bislang gesehen habe. Durch die Stadt schlängelt sich der Milwaukee River. Entlang seines Ufers führt eine fast 5 km lange Promenade vom Lake Michigan durch die historische Altstadt, dem Historic Third Ward, bis hin zum Old Brewers‘ Hill einem vornehmen Wohnviertel im viktorianischen Stil. Downtown gesellen sich Pubs, Bars, Restaurants und kleine Brauereien aneinander. Immer noch geprägt durch die deutschen Einwanderer sehen wir immer wieder kleine Biergärten. Was uns aber ganz besonders auffällt ist, dass man hier viel hundefreundlicher ist. Theo muss fast nirgends draußen bleiben, nicht mal als wir was essen gehen. Wir müssen uns wirklich wundern, warum die Stadt bisher von uns so unbeachtet geblieben ist.

Viel zu sehen am Seeufer

Wir treffen uns mit Melli, Kai und Lilly in der Nähe des Flusses auf Höhe der Kilbourn Avenue. Der Punkt markiert wohl so ziemlich die Grenze der Innenstadt. Von hieraus machen wir uns auf den Weg in Richtung See. Nach ca. 30 Minuten erreichen wir den Juneau Park. Der Park liegt etwas erhöht und bietet uns einen tollen Ausblick auf den See, einen kleinen Yachthafen und das atemberaubende Milwaukee Art Museum. Von hier sieht der See aus wie ein Ozean. Der Park ist nach Solomon Juneau benannt. Der frankokanadische Fellhändler siedelte hier 1818 an und war einer der drei Stadtgründer.

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Wir folgen dem Wanderweg in Richtung der Museen. Als nächstes erreichen wir das Milwaukee County War Memorial Center, eine Gedenkstätte für die gefallenen Soldaten der beiden Weltkriege und der Kriege in Korea, Vietnam, die beiden Golfkriege, dem Einsatz im Kosovo und dem immer noch laufenden Krieg in Afghanistan.  Auf der Terrasse brennt eine ewige Flamme unter den Symbolen der Truppenteile des amerikanischen Militärs. Die Terrasse bietet ebenfalls einen unbezahlbaren Ausblick auf den See und die Umgebung. Kein Wunder, dass hier häufig Hochzeiten, Abschlüsse und andere Feierlichkeiten ausgerichtet werden. Und das war auch das was die Gründer der Gedenkstätte im Sinn hatten: „Die Toten gedenken, indem das Leben gelebt wird.“

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Das berühmteste Wahrzeichen der Stadt ist wahrscheinlich das Kunstmuseum. Über eine Fußgängerbrücke gelangt man zu dem weißen Gebäude am Seeufer mit der einmaligen Architektur. Die beiden riesigen über 60 Meter breiten Flügel öffnen sich morgens und schließen sich Nachts oder bei schlechtem Wetter.

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Mit über 35 000 Kunstwerken ist das Museum eines der größten in den Vereinigten Staaten, unter ihnen sind Werke von Claude Monet, Pablo Picasso und Andy Warhol. Wie immer kann man aber auch über Kunst streiten. Der Sinn des Autowracks auf einem Pfahl neben dem Museum erschließt sich mir leider nicht. Das Wetter ist schön und unsere Zeit begrenzt, also gehen wir heute nicht ins Museum sondern erkunden lieber weiter die Stadt und jetzt erstmal weiter das Ufer des Sees.

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Am Pier der Discovery World machen wir eine kurze Pause und genießen erneut den Blick über den unendlich wirkenden See vor uns – und auf die Stadt hinter uns.

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Hinter jeder Ecke was Neues

Fürs Mittagessen suchen wir uns ein nettes Lokal direkt am Riverwalk. Ein Restaurant zu finden ist nicht schwierig. Die Herausforderung liegt eher darin sich bei Über 150 Restaurants für eins zu entscheiden. Von der Terrasse aus bestaunen wir die Häuser um uns herum. Wir beneiden die Wohlhabenden auf ihren Yachten und winken den Menschen auf den Ausflugsbooten. Unweit ist eine der 16 Brücken, die über den Milwaukee River führen. Alle Brücken sind beweglich und alle paar Minuten können wir das Schauspiel begutachten, wie sich langsam die Fahrbahn hebt um einem der größeren Boote den Weg freizumachen.

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Gestärkt von der Mahlzeit geht es entlang des Flusses auf die nächste Etappe in Richtung Altstadt, den Historic Third Ward. Auf dem Weg dorthin marschieren wir geradewegs in einen abgesperrten Straßenblock. Autos mit deutschen, holländischen und französischen Kennzeichen wecken unsere Aufmerksamkeit. Was ist denn hier los?

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Ohne es zu wissen sind wir in die Dreharbeiten einer neuen Serie gestolpert. „The Patriot“ heißt sie und wird exklusiv auf Amazon Prime zu sehen sein. Die Szene, die wir gerade in ihrer Entstehung beobachten, spielt in Luxemburg. Und tatsächlich sieht dieser Straßenzug sehr nach Benelux aus. Eigentlich mehr nach Paris. Ein Überbleibsel aus einer Zeit als französische Einwanderer Milwaukees Bild prägten. Wir schauen noch ein wenig dem Treiben am Drehset zu, sowas sieht man schließlich nicht alle Tage. Leider werden keine Statisten gesucht und unser großer Durchbruch als Fernsehstars mu noch weiter auf sich warten lassen.

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Wo die alte Welt auf die neue Welt trifft

Ein paar Blocks weiter ist der Third Ward. Ein idyllischer Straßenzug mit alten Gebäuden, Cafes und einer großen Markthalle. Auch hier erinnert irgendwie so gar nichts an das typische Amerika, das man sich sonst vorstellt.

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Aber auch nicht dem Amerika, wie wir es bislang erlebt haben. Sind wir etwa wieder in Europa? Nach einem kurzen Ausflug über den Markt flanieren wir die geschichtsträchtige Straße auf und ab.

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Die ehemaligen Lagerhäuser der Vorkriegszeit sind in tolle Boutiquen, ausgefallene Läden und schicke Restaurants verwandelt worden. Auf dem Rückweg kommen wir an einer alten Feuerwache vorbei, der Engine Company No. 10. Die Feuerwehr gibt es hier nicht mehr, die alte Fahrzeughalle wurde zu einem schicken Geschäftslokal umfunktioniert. Vor dem Gebäude erinnert die Statue eines Feuerwehrmannes, der sich gemeinsam mit seinem Hund auf einer Bank ausruht, daran was früher an diesem Ort zu finden war. Auch Theo braucht eine kleine Pause und gesellt sich zu den alten Freunden.

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Unsere letzte Station an diesem Tag sind die Bastille Days im Kathedralenviertel des Ostteils von Milwaukee. Straßenhändler verkaufen Bilder. Imbissbuden bieten allerhand französische Leckereien an. Dazu kommen Wein- und Bierstände. In der Mitte der Festmeile steht eine vielleicht 15 Meter hohe Replica des Eiffelturms. Wegen des Attentats in Nizza ist er mit einer schwarzen Schärpe geschmückt. An seinem Fuß sind Blumensträuße und Kerzen niedergelegt. Aber ganz nach französischem Vorbild lässt man sich die Laune nicht verderben. Verschiedene Live-Bands auf mehreren Bühnen sorgen für eine ausgelassene Stimmung.
Ich habe versucht herauszufinden, warum der französische Feiertag hier mit einem dreitägigen Straßenfestival zelebriert wird, aber leider konnte ich nichts genaues herausfinden. Klar ist, dass die ersten Siedler hier Franzosen waren und sich dieser Einfluss über die Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute gehalten hat, auch wenn in den 1850er Jahren andere Immigrantengruppen hinzukamen. Wie die Deutschen. Sie machten zwischenzeitlich mehr als 70 Prozent der Bevölkerung aus. Kein Wunder, dass wir hier so viele Brauereien mit deutschem Namen finden:

Pabst, Schlitz, Blatz und Sprecher sind nur ein paar Beispiele.

Wir kommen wieder

Am Ende des Tages haben wir eine Stadt kennengelernt, die uns nicht mehr hätte überraschen können. Der Charme der alten cremefarbenen Gebäude ist unwiderstehlich. Das Seeufer beeindruckend. Und der Riverwalk wirklich einer der schönsten, die wir hier bislang gesehen haben. Der Geist der europäischen Einwanderer ist immer noch lebendig. Französisches Flair mischt sich mit deutschen Traditionen und amerikanischer Gelassenheit.

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Leider haben wir bei unserem Besuch auch viel verpasst, wie z.B. das Hofbräuhaus, das einer Bierhauptstadt auf keinen Fall fehlen darf. Den anderen deutschen Brauereien haben wir ebenfalls noch keinen Besuch abgestattet. Dann ist da noch der Bronze Fonz. Das sagt euch jetzt wahrscheinlich gar nichts. In den 70ern und 80ern spielte die Serie „Happy Days“ in Milwaukee. Sie ist eine der erfolgreichsten amerikanischen Sitcoms aller Zeit und absoluter Kult. Star der Serie war Fonzie und ist in Bronze auf dem Riverwalk verewigt. Ein Foto mit ihm ist Pflicht. Leider haben wir es vergessen. Da wir nur einen Tag in Milwaukee verbracht haben hatten wir natürlich überhaupt keine Zeit für die 17 Museen, wie z.B. das Harley Davidson Museum.
Leider habe ich erst beim Schreiben dieses Artikels vom Tripoli Shrine Temple erfahren. Ein Gebäude der freimaurerischen Shriners, das dem Taj Mahal in Indien nachempfunden wurde und seit den 1930er Jahren eins der Wahrzeichen der Stadt ist.

Aber so haben wir wenigstens ein paar gute Gründe um bald wieder herzukommen.

Im August 2015 wurde ich von meiner Firma in die Nähe von Chicago versetzt. Hier lebe ich jetzt zusammen mit meiner Frau Julia und unserem Schokolabrador Theo. Zusammen bloggen wir hier, um unsere Freunde und Familie zuhause auf dem Laufenden zu halten. Ich mag American Football, Basketball und Kraftsport und manchmal versuche ich meiner Kreativität mit Hilfe meiner Kamera freien Lauf zu lassen.