Roadtrip mit Hindernissen – Teil 2

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Nachdem wir erfolgreich die Alarmanlage ausgeschaltet haben und der Securityfirma am Telefon versichern konnten, dass wir keine Einbrecher oder gar Mörder sind und dass es auf gar keinen Fall nötig ist die Polizei vorbeizuschicken, konnten wir zumindest den restlichen Abend ein wenig zur Ruhe kommen.

Morgen ist Weihnachten. Und wir haben einen amtlichen 10 Kilo Truthahn von zuhause mitgebracht. Als nette Geste verschenkt meine Firma jedes Jahr mehrere hundert Puten zur Weihnachtszeit an die Belegschaft. Auch bei uns haben viele Jobs im Lager und in der Produktion, die sich sonst vielleicht kein schönes Weihnachtsessen mit ihren Familien leisten können. Diese Geste bedeutet gerade für sie eine Menge. Der Vogel war tiefgefroren und wir haben ihn in einer Kühlbox transportiert, so dass er langsam auftauen konnte. Die Kühlbox ist so gut isoliert, dass er sogar nach zwei Tagen im Auto noch immer leicht gefroren ist.

No! M’ijo!

Wir freuen uns ganZ besonders darüber, dass Al’s Mama Luci mit uns den Tag verbringen wird. Ich glaube sie haben wir schon seit über drei Jahren nicht mehr gesehen, aber die Begrüßung ist herzlich wie immer und wir haben uns gleich viel zu erzählen. Wir mögen sie sehr, auch wenn sie ein wenig – sagen wir mal – schwierig ist. Auch wenn Alfredo schon über 50 ist haut sie ihm immer wieder auf die Finger und ruft „ No! M’ijo!“ (locker übersetzt: Nein Jüngchen!) Al erträgt es mit Geduld. Julia und ich finden es witzig. Bei uns ist das geflügelte Wort schon seit Ewigkeiten ein Insiderwitz. Das Beste ist aber, dass sie den Truthahn zubereiten wird. Mit ein paar routinierten Handgriffen und einer Menge verschiedener mexikanischer Gewürze zaubert sie in kurzer Zeit ein unvergessliches Weihnachtsessen. Am Abend besuchen wir alle gemeinsam Al’s Schwester Pat und ihre Familie und schauen den kleinen Kids beim Spielen mit ihren neuen Weihnachtsgeschenken zu.

Downtown San Antonio – Der River Walk

Am nächsten Morgen düse ich schnell zur Bank und hole mir eine neue Geldkarte. Vom meinem deutschen Konto hebe ich Bargeld ab und zahle es direkt auf das amerikanische, damit wir wieder flüssig sind. Gott sei Dank geht das alles völlig unkompliziert. Die Dame bei der Bank bestätigt mir, dass ich sogar das Geld zurückbekommen. Dafür muss ich allerdings eine Hotline anrufen. Da es Weihnachten ist hat die Hotline eh die nächsten Tage geschlossen. Ich kümmere mich um das Problem, wenn wir wieder zuhause sind. Hier lass ich mir die Urlaubslaune nicht verderben. Wir geniessen das schöne texanische Wetter bei sommerlichen Temperaturen von über 25 Grad.

Nachmittags geht es zum River Walk von San Antonio. Der San Antonio River schlängelt sich mitten durch die Stadt. Entlang der Uferpromenade reihen sich Bars und Restaurants aneinander. Hier ist praktisch immer was los. Auf dem Wasser fahren Motorboote, die wie übergroße venezianische Gondeln aussehen. Auf ihnen erzählen Stadtführer von der Geschichte der Stadt und zeigen die vielen Sehenswürdigkeiten. Und es gibt wirklich viel zu sehen, die besondere Architektur der Hotels und Hochhäuser, die einzigartigen Bäume die aus Mauern und Hauswänden herauswachsen oder das kleine Amphitheater mit der Bühne auf der einen Seite des Flusses und der Tribüne auf der anderen. Während der Sommermonate werden hier mehrmals pro Woche Konzerte gegeben oder Stücke aufgeführt.

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Kurzer Exkurs in die Geschichte (Ihr sollt ja auch was lernen)

Am Ende der Promenade befindet sich die edle River Mall, die perfekt zwischen die Fassaden der Luxushotels passt. Durch die Mall gelangt man zum Fort Alamo – das Wahrzeichen von San Antonio.

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Im Jahr 1836 – während der texanisch-mexikanischen Kriege – überfiel der diktatorische mexikanische Präsident Santa Anna das Fort. Lediglich 200 Männer verteidigten die Anlage gegen eine Übermacht von mexikanischen Soldaten. Unter der Führung von James Bowie, William Travis und Davy Crockett hielten sie für 13 Tage stand bis sie keine Chance mehr hatten und die Truppen in das Fort Alamo einfielen. Die meisten Verteidiger starben in der Schlacht. Die wenigen Überlebenden, darunter Frauen, Kinder und Babys ließ Santa Anna grauenvoll hinrichten. Texas verlor die Schlacht um Alamo, jedoch gewann es am Ende den Krieg gegen Mexiko und erklärte seine Unabhängigkeit. Texas war fortan ein souveräner Staat bis es 1845 den Vereinigten Staaten beitrat.
Ein Mythos besagt, dass Texas bis heute das Recht hat aus den USA wieder auszutreten. Das stimmt allerdings nicht ganz, stattdessen hat Texas das Recht sich in fünf Staaten aufzuteilen ohne dass die amerikanische Regierung zustimmen muss oder widersprechen darf. Es besteht also die vage Möglichkeit, dass es irgendwann 54 Staaten der USA gibt. Was man dann wohl mit der Fahne macht?

Die Dekoration des bunten, hell erleuchteten Christbaums, der vor dem Alamo steht, ist in diesem Jahr dem Profibasketballteam der Stadt, den San Antonio Spurs gewidmet. Basketbälle dienen als Christbaumkugeln und die Stiefelsporen des Teamlogos verzieren die Äste.

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Ein Hauch von Mexiko

Zum Essen gehen wir ins „Mi Tierra“. Das mexikanische Restaurant ist ein Touristenmagnet und die Wartezeit auf einen Tisch ist heute fast eine Stunde. Um uns die Zeit zu vertreiben gehen wir zum Market Square gegenüber. In der Markthalle bekommt man alles an texanischen Souvenirs und mexikanischen Produkten, die man sich vorstellen kann. Die reichlich verzierten Terracottawaren sind besonders schön. Wir kaufen ein paar Sachen und schlendern durch die Geschäfte und Marktstände bis unser Tisch endlich frei ist. Das Essen ist hervorragend. Kein Wunder, dass auch viele Einheimische regelmäßig herkommen.

Übrigens ist hier in San Antonio fast alles spanisch/mexikanisch geprägt. Das liegt wahrscheinlich an der gemeinsamen Geschichte von Texas und Mexiko und an der geographischen Nähe. Hier in San Antonio ist die Mehrheit Latino: über 46%. Nur knapp 26% der 1,3 Millionen Einwohner sind weiß. Der Rest verteilt sich auf alle anderen Abstammungen. San Antonio ist multikulti. Und ich bin mir sicher die Texmex-Küche hat genau hier ihren Ursprung.

Am nächsten Tag ist eine kleine Wanderung mit Theo angesagt. Der soll hier schließlich auch auf seine Kosten kommen. Der Himmel ist strahlend blau und fast keine Wolke am Himmel. Nur eine Gruppe von Bussarden ist ganz weit oben zu erkennen. Die Bäume entlang des Trails dem wir folgen sind so grün wie die riesigen Kakteen. Ist wirklich Weihnachten?

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Den Rest der Tage verbringen wir ohne großes Programm. Wir haben nichts geplant und das mit Absicht. Wir wollen einfach nur relaxen. Wir treffen Al’s Vater, der mich immer wie seinen dritten Sohn behandelt und verbringen Zeit mit den Nachbarn, die wir mittlerweile auch schon seit ein paar Jahren kennen.

Wahlkampf

Derzeit sind in Texas die Senatswahlen. Al und sein Nachbar Gerald helfen ehrenamtlich in der Kampagne des demokratischen Senators Jose Menendez, der für die Wiederwahl kandidiert. Das ganze Präsidentschaftswahltheater der letzten Monate hat mich neugierig gemacht und ich will mir diese einmalige Chance einen kleinen Einblick hinter die Kulissen amerikanischer Wahlkampagnen zu bekommen nicht entgehen lassen. Also werde ich die beiden heute Nachmittag unterstützen.

Der Wahlkampf in den USA läuft völlig anders als in Deutschland. Man arbeitet überwiegend mit sogenannten Block Walkern. Diese werden in den Wahlbezirken auf die Straße geschickt und gehen dann von Tür zu Tür, um potentielle Wähler über den Kandidaten zu informieren.
Und jetzt wird es ehrlich gesagt etwas kurios.

Natürlich versucht man nur die Wähler ansprechen, bei denen man eine gute Chance hat sie zu gewinnen. Die die üblicherweise für die andere Partei oder einen anderen Kandidatenstimmen sortiert man aus. Vor allem um nicht wertvolle Zeit und Kosten zu vergeuden. Um das zu gewährleisten, bedient man sich sogenannter Walk Lists (wir würden Wahllisten sagen). Diese kann man bei der Stadtverwaltung oder beim Wahlbüro anfordern.
Auf diesen Listen findet man ALLE relevanten Informationen, die den Wähler betreffen:

  • Vollständiger Name
  • Adresse und Telefonnummer
  • Alter und Geschlecht
  • Wann und für wen wurde die letzten Male gestimmt

Ernsthaft! All diese Informationen finden sich auf den Listen wieder, die übrigens wirklich jeder anfordern kann. Man wundert sich doch sehr wie leichtsinnig hier mit persönlichen Daten umgegangen wird. Von Datenschutz keine Spur.

Walk List

Beispiel für eine Wahlliste

Unser Job ist es heute die Block Walker loszuschicken und zu beaufsichtigen. Vorab planen wir ihre Routen und Arbeitspakete. Wir haben immer mehrere Wahllisten pro Wahlbezirk und unterteilen diese in Pakete von knapp 40 – 60 Haushalten. Diese Größe ist von den Block Walkern an einem Nachmittag zu schaffen. Dann zeichnen wir die optimalste Route für jeden Stapel auf einer ausgedruckten Karte ein und legen die Pakete zusammen. Wir werden immer zwei Leute auf eine Route schicken. Wir statten sie mit reichlich Kugelschreibern, Flyern und Yard Signs aus. Auf den Wahllisten müssen sie dann folgende Informationen eintragen:

  • War die Person zu hause?
  • Wird die Person überhaupt wählen?
  • Wird die Person für den Kandidaten stimmen?
  • Wird die Person gegen den Kandidaten stimmen?
  • Hat die Person vielleicht noch nicht entschieden?
  • Dürfen wir bei der Person ein Yard Sign aufstellen?

Mit diesen Daten entwickelt man später Strategien, wie man die Wähler weiter ansprechen wird. Menschen, die  zum Beispiel angegeben haben, dass sie gegen Jose stimmen werden streicht man von der Liste. Menschen, die sich noch nicht entschieden haben stellt man weitere Informationen per Post, Email oder Telefon zur Verfügung, um sie zu überzeugen. Undsoweiter.

Yard Sign während des Wahlkampfs 2012

Wir geben unseren Teams drei Stunden Zeit und erwarten sie dann zurück. Nach zweieinhalb Stunden kommen die ersten zurück und nach knapp drei Stunden ist auch der Rest wieder vollzählig angekommen. Alle haben ihr Soll erreicht. Sie haben die vorgegebenen Adressen abgeklappert, viele Flyer verteilt und manche Fragen beantworten können. Auch viele der Yard Signs sind aufgestellt worden. Die ausgefüllten Walk Lists bestätigen das und für uns – und hoffentlich für Senator Jose Menendez – war das ein erfolgreicher Tag.
Block Walker sind übrigens überwiegend junge Leute. Die meisten von ihnen glauben an die Ziele und Ideen von Jose Menendez und wollen etwas verändern. Viele tun es einfach wegen des Geldes, denn es ist für sie ein netter Nebenverdienst, der besser bezahlt wird als ein regulärer Kellnerjob hier in den USA.

Am Dienstag machen wir uns auf den Heimweg. Wir planen den Nachmittag in Dallas zu verbringen, am Tag darauf bis St. Louis zu fahren und dort eine weitere Nacht zu verbringen. An Silvester wollen wir tagsüber die Stadt erkunden und abends weiter nach hause fahren. Leider haben wir die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Aber dazu kommen wir im nächsten Teil.

Im August 2015 wurde ich von meiner Firma in die Nähe von Chicago versetzt. Hier lebe ich jetzt zusammen mit meiner Frau Julia und unserem Schokolabrador Theo. Zusammen bloggen wir hier, um unsere Freunde und Familie zuhause auf dem Laufenden zu halten. Ich mag American Football, Basketball und Kraftsport und manchmal versuche ich meiner Kreativität mit Hilfe meiner Kamera freien Lauf zu lassen.