1. Oktober 2015

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Da ist er also. Der Tag von dem ich mir sicher war, dass er irgendwann kommt. Und genauso sicher bin ich mir, dass er sich wiederholen wird, solange wir hier sind. Der Tag eines weiteren Amoklaufes. An einer Hochschule in der Kleinstadt Roseburg im Bundesstaat Oregon tötete ein Mann mindestens neun Menschen – Studenten und Lehrer. Anscheinend war der Amoklauf religiös motiviert, denn der Täter fragte die Opfer nach ihrer Religion und schoss gezielt auf Christen. Er selbst starb beim Schusswechsel mit der Polizei.

Die Tat an sich ist unfassbar schrecklich. Was mich aber persönlich daran deprimiert ist, dass die Amerikaner nichts daraus lernen. Schlimmer noch, es macht den Anschein als weigern sie sich bewusst die Realität zu akzeptieren und Konsequenzen zu ergreifen. Ich weiß, das trifft nicht auf alle zu.
Anstatt dafür zu sorgen, dass der Tod dieser Menschen nicht umsonst war und zu verhindern, dass sich so ein Vorfall wiederholt, werden heute und in den nächsten Tagen viele einflussreiche Menschen auf Fox News, NBC oder CNN wieder dafür plädieren die Waffenrechte auszuweiten und versuchen die Menschen dazu zu animieren noch mehr Waffen zu kaufen und zu besitzen. Dabei werden sie kein Wort über die Opfer verlieren. Ihre Besorgnis gilt dem verfassungsmäßigen Rechten, die jetzt in Gefahr sein könnten.

Die Waffenfanatiker und vorne weg die Republikaner werden wie immer auf den zweiten Verfassungszusatz verweisen:

Da eine wohlgeordnete Miliz für die Sicherheit eines freien Staates notwendig ist, darf das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht beeinträchtigt werden.

Der Gesetzestext, der jedem Amerikaner erlaubt so viele Waffen zu besitzen, wie er will. Egal ob Pistolen, Gewehre oder automatische Waffen. Allein das Abtippen dieses Satzes widert mich an!

Aber wer schützt dieses Volk eigentlich vor sich selbst?

Update 06.10.2015: Amerikaner haben offenbar eine tiefe Obsession mit Schusswaffen. Fakt ist: 270.000.000 Feuerwaffen befinden sich in den Händen der Amerikaner.* Jeder dritte Amerikaner besitzt mindestens eine Waffe – im Durchschnitt sind es 2.5 Waffen.**

Die einzige Hürde beim Waffenkauf ist ein Background-Check. Er soll dafür sorgen, dass keine Waffen an Vorbestrafte oder Personen mit einer psychischen Beeinträchtigung verkauft werden. Dazu ruft der Waffenhändler bei einer Hotline an. Diese überprüft dann den Käufer in verschiedenen Datenbank; FBI, Polizei, Gesundheitsbehörde usw. Ist alles in Ordnung darf der Käufer nach einer 24-stündigen Wartezeit seine Waffe in Empfang nehmen.

Die Anzahl der Background-Checks seit der Einführung 1998 bis heute beläuft sich auf 218.144.109. Seit 2013 liegt die jährliche Zahl bei über 20.000.000. Das soll nicht automatisch bedeuten, dass genauso viele Waffen verkauft wurden. Einige Anträge wurden abgelehnt. Die durchschnittliche Quote hierfür liegt bei ca. 2%. Von den restlichen insgesamt 213.781.227 (oder 19.600.000 jährlichen) Anträgen, die positiv bewertet wurden haben wahrscheinlich nicht alle zu einem Kauf geführt. Dennoch ist die Zahl erschreckend!**

Man kann seine Waffen hier aber auch auf Waffenbörsen, also Flohmärkte für Waffen, kaufen. Hier ist kein Background-Check notwendig. Der private Verkäufer muss lediglich eine Führerscheinkopie des Käufers an die Behörden schicken, um zu registrieren, dass er nicht mehr im Besitz der verkauften Waffe ist.

Es fällt einem schwer nachzuvollziehen, dass die Waffenverkäufe heute und in den nächsten Tag wieder steigen werden. Lobbyisten des Waffenverbandes werden dafür sorgen. Sie werden dazu aufrufen sich zu bewaffnen, um die Sicherheit des freien Staates gegen Amokläufer und Terroristen zu verteidigen. Für die Waffenindustrie steigen wieder die Umsätze und so gibt es auch dieses Mal unrühmliche Gewinner. So funktioniert Kapitalismus.

Die republikanischen Präsidentschaftskandidaten werden das Thema in ihrem Wahlkampf aufnehmen. Sie werden behaupten, dass Obama und die Demokraten versagen, weil sie nicht in der Lage sind Amokläufe und Terroranschläge zu verhindern und dass es heute wichtiger denn je sei sich selbst zu verteidigen. Und viele Menschen werden ihnen glauben. Kein Wort darüber, dass das eigentliche Problem der freie Zugang zu Waffen ist. Ich bin mir sogar sicher, dass sie sich darüber im Klaren sind, aber die Waffenlobbyisten gehören zu den größten Sponsoren ihrer Wahlkampagnen und die sind nun mal nicht billig. Von den Republikanern möchte ich eigentlich gar nicht erst anfangen. Sie haben ihren Wahlkampf bereits vor drei Monaten begonnen. Mehr als achtzehn Monate vor der Wahl. Ihre Debatten sind geprägt von Lügen und Intoleranz. Dabei verstecken sie sich hinter christlichen Werten. Oder besser ihrer eigenen Auslegung dieser christlichen Werten. Zu Beginn war das zugegebener Weise amüsant. Den Vorschlag eine Mauer entlang der mexikanischen Grenze zu bauen, um Einwanderer draußen zu halten, kann man nicht Ernst nehmen. Oder der Versuch den Klimawandel abzustreiten, weil es im Winter schneit mit abschließender Präsentation eines Schneeballs als Beweis. Heute macht es mir Angst, dass einer von diesen Schwachköpfen der nächste Präsident der USA werden könnte.

Update 06.10.2015: Die republikanischen Kandidaten haben reagiert und es ist haarsträubend. Überwiegend sind sie sich einig, dass psychische Erkrankungen die Hauptursache für Amokläufe sind. Empirische und psychologische Untersuchungen zeigen ein anderes Bild. Studien weisen auf, dass drei von vier Tätern keinerlei psychologische Vorgeschichte haben. ***
Viel schlimmer aber noch sind die Kommentare der Kandidaten. Auf die Frage, ob Jeb Busch vorhabe Amokläufe in Zukunft zu verhindern erwiderte er sinngemäß: „Solche Dinge passieren. Es gibt immer irgendeine Krise“. Oder Carly Fiorina (sinngemäß) Tage später: „Ich finde wir sollten ein kleine bisschen mehr über das Ereignis wissen, bevor wir etwas dazu sagen.“ Mike Huckabee ist der Meinung, wenn man keine Waffen mit in eine Schule bringen darf, muss man sich auch nicht wundern, dass man dort wie eine Lockente abgeknallt wird. Die Wahl ihrer Worte ist ebenso bemerkenswert, so bezeichnen alle diesen Amoklauf als „Incident“ (zu deutsch: Ereignis, Zwischenfall oder Vorfall)
Werden die gleichen Kandidaten zum Thema Abtreibung befragt scheinen sie eine grundlegend andere Meinung zu haben: “ Jedes Leben ist wichtig vom Beginn bis zum Ende und man sollte alles dafür tun, um jedes einzelne zu beschützen!“ oder „Jedes Leben ist erfüllt von Möglichkeiten.“

Der mächtigste Mann der Welt – machtlos

Als Präsident Obama gestern vor die Kameras tritt wirkt er müde und scheint alle Hoffnung verloren zu haben. Man sieht ihm die Wut und Enttäuschung an. Der mächtigste Mann der Welt ist machtlos. Er trat damals an, um die Welt ein Stückchen besser zu machen und muss sich jetzt eingestehen, dass er sein Ziel verfehlt hat. Für ihn war es gestern das fünfzehnte Mal in seiner Amtszeit – das fünfzehnte Mal in sechseinhalb Jahren – wo er Hinterbliebenen sein Beileid ausspricht und Opfer betrauert. Und zum fünfzehnten Mal fordert er, dass sich so etwas nicht wiederholen darf.

Wir sind das einzige fortschrittliche Land der Erde, das solche Schießereien alle paar Monate erlebt.

Es ist eine politische Entscheidung, dass so etwas alle paar Monate passiert

Aber Obama gesteht sich auch ein, dass er alleine keine Änderung herbeiführen kann. Neue, schärfere Gesetze müssen her. Das erreicht man aber nur, wenn alle Politiker an einem Strang ziehen. Mit dem Großteil der Republikaner wird das nicht passieren. Meine Hoffnung liegt bei den Amerikanern selbst. Sie müssen Verantwortung zeigen und ein Statement setzen, dass Leben mehr wert sind als das Geld der Lobbyisten. Auf ihre Stimme kommt es bei den Wahlen 2016 an.

Ein letztes: Der Blog soll zu eurer Unterhaltung dienen. Vor allem aber zu unserer Erinnerung. Leider gehört es dann auch dazu solche Ereignisse festzuhalten. Der nächste Beitrag hat bestimmt wieder einen fröhlicheren Anlass.

Das Beitragsbild habe ich heute Morgen an der Eingangstür meiner Firma aufgenommen. Ich bin mir sicher so eins hing auch am Eingang des Colleges in Oregon.

Quellen:
* http://www.wsj.com/articles/u-s-leads-world-in-mass-shootings-1443905359
** http://www.nbcnews.com/news/us-news/one-three-americans-own-guns-culture-factor-study-finds-n384031
*** https://www.fbi.gov/about-us/cjis/nics
**** http://www.propublica.org/article/myth-vs-fact-violence-and-mental-health#update

Im August 2015 wurde ich von meiner Firma in die Nähe von Chicago versetzt. Hier lebe ich jetzt zusammen mit meiner Frau Julia und unserem Schokolabrador Theo. Zusammen bloggen wir hier, um unsere Freunde und Familie zuhause auf dem Laufenden zu halten. Ich mag American Football, Basketball und Kraftsport und manchmal versuche ich meiner Kreativität mit Hilfe meiner Kamera freien Lauf zu lassen.