Warum Trump?

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Immer wieder werden wir von Freunden in Deutschland gefragt, wie es dazu kommen konnte, dass Donald Trump gewählt wurde.
Sind die Amerikaner rassistisch? Sind ihnen Trumps Ansichten gegenüber Ausländern, Homosexuellen und anderen Minderheiten einfach egal? Sehen sie denn nicht wie ahnungslos dieser Mensch ist? Wie können sie es hinnehmen, dass er sich schon während des Wahlkampfes mit dem Rest der Welt anlegt. Wie können sie auf seine Lügen reinfallen? Oder vielleicht einfach nur blöd und ungebildet?

Doch so simpel ist es nicht.

Obama hat die Präsidentschaft zu einem Zeitpunkt übernommen an dem  nicht nur die amerikanische Wirtschaft am Boden lag. Die Weltwirtschaftskrise hatte vergleichbare Auswirkungen wie der große Börsencrash in den 1920er Jahren. Die Immobilienblase platzte. Großbanken waren auf einmal nicht mehr liquide. Jeden Monat verloren fast 500.000 Amerikaner ihren Job.
Nach acht Jahren Obama hat sich das Blatt gewendet. Noch nie gab es in den USA eine so geringe Arbeitslosenquote. Die Wirtschaft ist stabil, tatsächlich waren die USA in 2016 eins von wenigen Ländern mit einem Wirtschaftswachstum von 2,9%. Die drei größten Banken bündeln heute sogar 80 Prozent mehr Geld als vor der Krise. Obamas gesetzliche Krankenversicherung – nach europäischem Vorbild – hat 20 Millionen Menschen Zugang zu medizinischer Versorgung ermöglicht.

Ist Amerika nicht großartig?

Was ist also das Problem? Wenn doch alles so rosig ist, wie konnte Trump mit dem Slogan „Make America Great Again“ auf Stimmfang gehen?

Die Statistiken zeigen leider nicht die ganze Realität. In Wahrheit haben Obama und die Demokraten die Mittelschicht im Stich gelassen. Sie haben mehr auf die Interessen der großen Konzerne geachtet als auf die Sorgen und Nöte mittelständischer amerikanischer Familien. Das Geldvermögen in den USA wurde drastisch umverteilt. Die Ungleichheit zwischen Arm und Reich war noch nie so groß.

Während Preise für Lebensmittel und Benzin immens gestiegen sind sind die Löhne und Gehälter immer noch auf dem Niveau von vor über zehn Jahren. Viele Amerikaner müssen ihr Einkommen mit Sozialhilfe aufstocken.
Für die die nicht arbeiten können reicht die Sozialhilfe nicht mal für die Grundversorgung. Die Beiträge für Obamacare sind, in den 1 1/2 Jahren in denen wir hier, im Durchschnitt um 50% gestiegen. „Affordable Care“ (erschwingliche Versorgung) ist für viele nicht erschwinglich.

Der amerikanische Traum

Julia und ich leben hier unseren amerikanischen Traum, aber für viele bleibt er genau das: ein Traum. Für die meisten Familien entfernt er sich mehr und mehr. Um über die Runden zu kommen haben viele Amerikaner mehrere Jobs. Manchmal zwei, manchmal sogar vier.

Während Lehrer zum Beispiel in Deutschland in der Regel verbeamtet sind und ein gesichertes Einkommen haben, leben viele hier am Existenzminimum. Sie müssen Nebenjobs annehmen, geben Nachhilfe, arbeiten als nachts als Taxifahrer oder in den Sommerferien sogar bei McDonalds.

Da ist ein Feuerwehrmann in Pennsylvania. Nach seiner 15 Stundenschicht im Feuerwehrdienst fährt er direkt zu seinem nächsten Job als Rettungsassistent. Ein weitere Schicht von acht Stunden. Wenn es seine Dienstpläne hergeben arbeitet er noch einmal weitere fünf Stunden als Sanitäter in einer anderen Stadt. In manchen Monaten verbringt er gerade mal drei Nächte zuhause. Am Ende reicht es gerade mal dafür seine Familie über den Monat zu bringen. Es bleibt nichts übrig um für die Zukunft vorzusorgen. An einen Urlaub ist gar nicht zu denken.

Da ist ein Ehepaar in Maryland. Der Mann arbeitet täglich bis zu 12 Stunden als Klimaanlageninstallateur. Die Frau arbeitet als Kinderpflegerin in einer Grundschule. Um Geld zu sparen raspelt sie Seifenstücke um Waschmittel herzustellen. Einmal im Monat führen sie ihre beiden Kinder aus,  zu McDonalds – der einzige Luxus, den sie sich leisten können. Am Ende des Monats ist nichts mehr übrig.

Viele Menschen können es sich nicht leisten in der Nähe ihres Jobs zu wohnen. Wohnungen sind knapp, der angebotene Wohnraum unbezahlbar. Ein Jobwechsel ist keine Option, denn in der Nähe ihres Wohnsitzes gibt es schlichtweg nichts. Sie werden zu „Superpendlern“, wie der Familienvater in Kalifornien der jeden Tag 8 Stunden für die Arbeit pendelt. Sein Arbeitsweg: 130 km. Ein Auto kann er sich nicht leisten, daher ist er auf sein Fahrrad und öffentliche Verkehrsmittel angewiesen. 8 km Radweg, 3 Stunden Zugfahrt und weitere 30 Minuten mit dem Bus. Abends wieder zurück.
Gerne würde er sich weiterbilden, vielleicht umschulen. Aber eine Ausbildung bei diesem Arbeitsweg ist einfach nicht möglich. Die einzige Hoffnung die ihm bleibt ist, dass sein Fahrrad, der Zug und der Bus wenigstens seine Kinder zu einem besseren Leben führen.

Tech-Giganten, wie Apple, Google und Amazon, brüsten sich mit innovativen Arbeitsbedingungen und überdurchschnittlichen Gehältern. Gerne geben sie damit an, wie wichtig ihnen ihre Mitarbeiter sind. Das gilt aber nicht für die Putzkolonnen, Hausmeister und Pförtner. Sie sind über Dienstleister angestellt und verdienen gerade mal den Mindestlohn. Sie leben am Existenzminimum, viele von ihnen wohnen in ihren Autos.

Arbeiterstädte im mittleren Westen sind heute verlassen. Fabriken, die früher jedem im Ort Arbeit gaben, sind dicht. Hier herrscht eine Arbeitslosigkeit von bis zu 60%, in einem Land wo die soziale Absicherung schlechter ist als in vielen Schwellenländern.

Vielleicht der letzte Strohhalm

Das sind die Menschen die Trump gewählt haben. Es sind nicht nur Weiße, es sind auch Schwarze und Latinos. Menschen, die sich so sehr eine Verbesserung herbeisehnen und sich so sehr im Stich gelassen fühlen. Viele von ihnen haben in der Vergangenheit treu demokratisch gewählt, aber bei ihnen ist nichts von dem neuen Wohlstand in Amerika angekommen, das politische System hat für sie versagt – vielleicht kann es ja der milliardenschwere Immobillienlöwe aus New York richten, der in seinem Wahlkampf die amerikanische Wirtschaft vor allem anderen gestellt hat.

Wenn man in der größten Marktwirtschaft der Welt jeden Tag um das eigene Überleben kämpft sorgt man sich nicht um Weltpolitik oder politische Korrektheit.
Wenn man in einer Stadt in Iowa lebt in der es keine Schwarzen gibt, wo aber jeder zweite arbeitslos ist, dann spielt Rassismus nur eine untergeordnete Rolle.

Trumps verbale Ausreißer sind ihnen nicht gleichgültig. Sie wollen keine Mauer. Sie haben nichts gegen Moslems. oder gegen Schwule und Transsexuelle. Aber was sie wollen ist eine Zukunft.

Ich streite nicht ab, dass Trump mit seinen Propagandareden Rassisten und Nationalisten eine neues Sprachrohr gab. Sie kriechen jetzt überall aus ihren Löchern und wittern die Chance das Land zu übernehmen. Natürlich haben auch sie zu seinem Sieg beigetragen. Aber sie sind nicht die Mehrheit. Vielleicht ist es wahr, dass dieses Land noch nie so geteilt war, aber ich möchte euch versichern, dass Amerika nicht zur Hälfte aus Rassisten oder ungebildeten Idioten besteht. Das Bild des Trumpwählers ist facettenreicher als es uns die Medien weiß machen wollen.

Gerade ist Trumps Vereidigung. Ab morgen werden wir sehen welchen Kurs Amerika einschlagen wird. Am Ende werden es seine Wähler sein denen Trump Rechenschaft ablegen muss. Sie werden ihn und die Republikaner an der Erfüllung ihrer vielen Versprechungen messen. In zwei Jahren sind bereits Zwischenwahlen und wieder zwei Jahre später die großen Wahlen. Das ist doch gar nicht so lang.

Im August 2015 wurde ich von meiner Firma in die Nähe von Chicago versetzt. Hier lebe ich jetzt zusammen mit meiner Frau Julia und unserem Schokolabrador Theo. Zusammen bloggen wir hier, um unsere Freunde und Familie zuhause auf dem Laufenden zu halten. Ich mag American Football, Basketball und Kraftsport und manchmal versuche ich meiner Kreativität mit Hilfe meiner Kamera freien Lauf zu lassen.